Seltsame Wesen
Es überraschte mich nicht, dass dieser Supermarkt ähnlich aufgebaut war, wie der in Seattle, so war das mit Kaufhausketten. Ich fand mich aber auch ziemlich leicht zurecht und gleich nach dem Eingangsbereich wurde alles wunderschön ausgeschildert. Dort stand auch schon die erste Deko herum. Für Ende August hätte ich mit etwas Herbstlicherem gerechnet, stattdessen wurde Sommer pur ausgestellt, und zwar in Form von Italien. Ich lief unter einem großen Globus den Gang entlang und sah an allen möglichen Ecken italienische Flaggen. „La Dolce Vita“ wurde mit herrlichen Pastelltönen und schönen Bildern ausgedrückt, die man einfach mit der Toskana verband.
Dementsprechend themenbezogen war auch das Warenangebot an einigen Stellen und ich überlegte, ob ich nicht eine Flasche italienischen Weines mit nähme, nur zur Dekoration natürlich. Aber das Geld war es mir dann doch nicht Wert und ich entschied mich für die gesündere Alternative: Trauben aus Italien.
In der Obstabteilung erschlug mich der süße Duft fast schon, es roch einfach himmlisch. Zu den Trauben gesellte sich weiteres Obst, darunter auch herrlich rotstrahlende Äpfel. Was wir einkauften, war mittlerweile nur noch Routine, zumindest, wenn es nur für kurze Zeit war, im Moment hatten wir auch gar keine Möglichkeit für einen Großeinkauf. Zuhause warteten noch immer etliche Kartons, die ausgepackt werden wollten und Möbelstücke, die aufgestellt werden mussten. Und darunter war auch mein Bett, wie sollte ich denn bitte heute Abend schlafen, wenn ich mich jetzt hier stundenlang aufhielte?
Als ich bei den Getränken stand, rempelten mich ein paar junge Leute an, womit ich aus meinen Gedanken gerissen wurde. Sie trugen schwere Flaschen Hochprozentiges, während die beiden jungen Männer offensichtlich von ihren Freundinnen verfolgt wurden. Sie versteckten sich hinter Regalen und ich fragte mich ernsthaft, ob sie nicht schon etwas gefeiert hatten. Nun gut, das war ja wohl nicht mein Problem. Seltsame Wesen hier in Forks.
Am merkwürdigsten war vielleicht der Mann mittleren Alters, der neben mir stand, während ich eine Packung Toilettenpapier in den Wagen warf. Er war leicht untersetzt und schien nicht mehr alle Haare auf dem Kopf zu haben, doch das konnte ich nur schwer beurteilen, weil er einen riesigen, ganz normalen Cowboyhut trug. Ich grinste, weil mich der Hut an meinen Geburtsort Philadelphia erinnerte, nur dass der Hut fast 100 Jahre nach mir dort entwickelt wurde. Als er sah, dass ich ihn betrachtete, grinste er höflich und tippte mit seiner Hand zur Verabschiedung an den Hut, dass ich mir fast sicher war, dass der Mann nicht aus dieser Gegend kam. Texas war mehrere Bundesstaaten weit weg, womit ich den Hut eher verband. Typisches texanisches Klischee. Texas erinnerte mich aber auch an andere Dinge und ich schauderte als ich rotglühende wilde Augen in meiner Erinnerung sah.
Ich versuchte mich abzulenken und überlegte, was ich noch alles brauchte. In der Ferne sah ich die Glasscheiben des Einganges und erkannte, dass es noch immer in Strömen regnete, also konnte ich mir auch noch Zeit lassen. Die Kaufhausmusik, die sich in dämlich dudelnder Countrymusik äußerte, bemerkte ich jetzt erst, dafür brauchte ich wohl erst den merkwürdigen Mann beim Toilettenpapier, der übrigens feuchtes Toilettenpapier mitgenommen hatte.
Damit bräuchte ich nur noch zwei Caesar Salads und Gummibärchen. Was konnte Summer froh sein, dass sie keine Kariesprobleme hatte, dachte ich mir, bei den Unmengen die sie an Süßem verdrücken konnte. Die Gummibärchen waren schnell gefunden, ich reihte mich neben zwei höchstens 6-jährigen Jungen ein, die mit einem fünf Dollar-Schein diskutierten, was sie sich denn dafür holen könnten. Es war niedlich mit anzusehen, wie sie rechneten und argumentierten. Ich wäre gerne länger stehen geblieben, da mich sowas faszinierte, aber sicherlich wartete Summer draußen schon ungeduldige auf ihre Zuckerration.
Ich schob die alte quietschende Karre vor mir her in den nächsten Gang und wurde überwältigt von einem riesigen Angebot von Sommerdekoration, die sich zum Ende hin in Herbstdeko entwickelte. Wow, schon wieder Herbst, wie schnell das Jahr doch verging. Vor lauter schöner Dinge, Sonnenblumen, buntem Heu, dem ein oder anderen frühen Kürbis, vergaß ich die arme Summer ganz und auch um den Salat könnte ich mich später noch kümmern. Mir fiel mein nacktes Fenster ein, auf dem noch keinerlei Deko hing. Offensichtlich war ich nicht die einzige, die ganz fasziniert von dem reichlichen Angebot war, denn eine ältere Dame gesellte sich zu mir und musterte die unterschiedlichen Artikel ebenfalls. Ich liebte es zu dekorieren und packte mir gleich einen ganzen Haufen Servietten ein und auch ein paar bunte Fensterkristalle, Summer würde sich bestimmt auch darüber freuen.
Nachdem die Frau gegangen war, hatte ich das Gefühl, ich wäre alleine. Alleine auf der Welt, abgesehen von den ganzen schlagenden Herzen um mich herum, meines hörte ich übrigens nur, wenn ich mich auch wirklich darauf konzentrierte. Es war ein merkwürdiger Moment, als ich plötzlich Stimmen hinter mir vernahm. Ich war mir so sicher, dass ich alleine in dem Gang gewesen bin. Doch offensichtlich hatte mich meine Schwäche für Ästhetik vom Wesentlichen abgelenkt.
„Nein, glaub mir, Alice wollte rote Kerzen und keine blauen“, hörte ich eine melodische Männerstimme schräg hinter mir. „Hier.“
„Und wieso hat sie den Rest der Dekoration bitte in Weiß und Blau gehalten? Wo passen denn dann rote Kerzen hin, wenn du nicht gerade irgendeine Nationalfeier abhältst.“ Neben ihm stand offensichtlich eine junge Frau, die jetzt lachte. Es war ein angenehmes Lachen, es hörte sich freundlich und warm an. Aber so hörten sie sich alle an.
Ich versuchte mich auf sie zu konzentrieren, ich versuchte sie zu spüren, versuchte Lebenszeichen zu hören. Dieses Paar konnte ich definitiv nicht spüren, nicht so wie es sonst war. Und ich konnte auch nichts hören, keinen Herzschlag, keine Schritte, keine Bewegungen. Ich versuchte genauer hinzuhören und tat so, als lese ich mir die Beschreibung irgendeines Spieles durch. Alle unwichtigen Umgebungsgeräusche versuchte ich auszublenden und konzentrierte mich nur auf sie. Ihre Bewegungen waren fließend, ihre Schritte kaum hörbar, ihr Atem ging unregelmäßig und ihre Stimmen waren klar, melodisch, schön.
Der Umstand, dass ich mich irgendwo in der Pampa in einem Kaufhaus befand und dort auf irgendwelche Blutsauer traf, hätte ich für vollkommen unmöglich gehalten. Langsam legte ich das Spiel wieder weg und versuchte so wenig Aufmerksamkeit auf mich zu richten wie nur möglich. Wenn ich Glück hatte, dann hielten sie mich für einen von diesen Menschen. Wenn die Menschen Glück hatten, hielten sie mich für einen von ihnen.
Ich stand mit dem Rücken zu ihnen, aber jetzt hörte ich sie. Sie sprachen nicht, sondern nahmen einzelne Dinge aus den Regalen. Solange ich sie hören konnte, war alles gut. Sie würden sich nicht trauen in einem Supermarkt voller Leute irgendwelche dummen Dinge zu machen. Und wenn doch?
Dann war ich Schuld. Die Folgen mochte ich mir nicht ausmalen. Ich schätze die Anzahl der Käufer auf gut 50 und sah schon die Schlagzeilen. „Amoklauf in einem Supermarkt, 50 Menschen tot“. Nein, ein Amoklauf wäre wenig effektiv als Erklärung. Ein Großbrand. Herrgott, es war doch vollkommen egal, wie man es erklärte.
Und dann war da noch meine Schwester.
Ich musste hier raus. Das Risiko, diese Vampire auf mich aufmerksam zu machen konnte ich nicht eingehen. Wer wüsste, wie sie auf mich reagierten? Wie die anderen Vampire vielleicht? Würden sie mich angreifen? Töten wollen? Wie die anderen auch?
Vor meinem inneren Auge spielten sich diverse Kampfszenen ab und während ich versuchte meinen Herzschlag halbwegs unter Kontrolle zu bringen, griff ich langsam nach meinem Einkaufswagen. Ich könnte ihn nicht einfach stehen lassen, das würde noch mehr Verdacht erregen. Aber wenn es soweit kommen würde, wenn sie einen Verdacht hegten, dann würde ich sicherlich nicht kampflos untergehen.
Nein, eigentlich machte ich mir um mich weniger Sorgen als um den Rest des Supermarktes. Wer könnte mir garantieren, dass diese Vampire es mit Humor nähmen? Und hey, ich bin übrigens sowas wie ihr. Nur nicht ganz. Sowas halbes halt. Schön euch kennenzulernen. Diese Nervosität ließ mich verblöden, merkte ich. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie diesen Umstand nicht humorvoll hinnähmen. Im Gegenteil. Sie würden so reagieren wie alle anderen auch. Angst, Furcht, Hass. Sie würden versuchen uns zu töten, nicht zu zerstören, denn im Gegensatz zu ihnen lebten wir. Und wenn sie das in diesem Supermarkt täten...
Ich versuchte den Griff auf meinem Einkaufswagen zu lockern, und ging normalen Schrittes in die entgegengesetzte Richtung, zu der sie standen. Wäre ich an ihnen vorbei gelaufen, würde ich die Möglichkeit erhöhen, dass sie mich hätten riechen können. Im Gang bestand die Möglichkeit nicht unbedingt. Vampire waren keine Überdinge, auch sie brauchten einen Luftzug um Gerüche wahrzunehmen. Glücklicherweise kam in dem Moment kein Luftzug und ich bog um die Ecke in Richtung der Kassen.
Vielleicht hätte ich noch einen Blick auf sie werfen sollen. Aber was hätte mir das gebracht? Sie sahen sicherlich wie alle anderen auch aus. Auf dem Weg zur Kasse versuchte ich mich auf sie zu konzentrieren. Es machte mich verrückt, es war schier unmöglich, dass ich sie nicht spüren konnte, so wie alle anderen Vampire auch. Wieso ging das nicht? Lag es an mir? Lag es an diesem Gebäude? An dieser Gegend? Aber das konnte nicht sein. Vielleicht hatte ich nachgelassen, wir hatten bis jetzt etwa 15 Jahre keinen Kontakt mehr zu Vampiren gehabt, was auch daran lag, dass wir hin und wieder in sonnigen, oder vorwiegend sonnigen Gegenden lebten.
Als ich an den Kassen angekommen war, wählte ich eine SB-Kasse, die frei war. Den Stress wollte ich mir jetzt ersparen vor einer Menschenmenge an der Kasse zu warten und von einer offensichtlich genervten Kassiererin bedient zu werden.
Es ging verhältnismäßig schnell, ich war froh für diese Entwicklung, und schob ein Teil nach dem anderen unter den Scanner bevor ich mit meiner Karte bezahlte. Aus Neugierde ließ ich meinen Blick über die Gänge des Supermarktes schweifen, während ich meine Einkäufe in zwei Papiertüten packte. An den Anblick von Vampiren war ich gewöhnt, keine Frage. Schließlich sah ich jeden morgen etwas Ähnliches im Spiegel und meine Schwester war genauso eine Schönheit. Doch als mich diese Augen anstarrten war ich geschockt. Der Mann mit der melodischen Stimme von vorhin, es musste er gewesen sein, denn ich konnte wieder keine Verbindung zu ihm aufbauen, sah mich aus merkwürdigen Augen an. Ich hielt inne und starrte ihn fast schon an, es waren nur Sekundenbruchteile, doch für uns beide war es viel länger.
Dieser Mann sah mich aus Augen an, die absolut fremd auf mich wirkten. Ich konnte es nicht erklären, zu geschockt war ich noch immer darüber, dass ich ausgerechnet in einem Supermarkt eines kleinen Kaffes auf jemanden wie ihn stoßen würde. Ob er wirklich ein Vampir war? Langsam begann ich zu zweifeln.
Dennoch hatte ich die Hoffnung, dass er in mir noch immer nur einen Menschen sah, für einen Menschen war dies nur ein flüchtiger Blick, nichts Bedeutendes. Auch er sah relativ schnell wieder weg, was mich hoffen lies, er beobachte mich nicht. Im Gegenteil, er wandte sich wieder seiner Begleiterin zu, die mit welligem dunkelbraunem Haar neben ihm mit einer Plastiktüte voller Litschis auftauchte. Er schien mich nicht weiter zu beachten. Also war ich doch nur ein Mensch für ihn. Gott sei Dank.
Vorsichtig nahm ich meine Papiertüten, den Wagen konnte ich im Markt selber abgeben, und versuchte bewusst langsam nach draußen zu gehen, auch wenn ich am liebsten gerannt wäre. Ich setzte langsam einen Fuß vor den anderen und nachdem ich draußen war, außer Sichtweite dieses Wesens, ging ich schnelleren Schrittes zu meinem Wagen in dem Summer noch immer saß. Sie grinste mich an und ich nickte ihr zu. Eilig packte ich die Tüten auf den Rücksitz und schwang mich auf meinen Fahrersitz.
Ich startete den Wagen und sah mich nochmal um, ob dieses Etwas vielleicht gerade aus Thriftway heraus käme. Als niemand Besonderes aus dem Laden kam, außer einer jungen Frau mit einem Kinderwagen, wo mir noch kurzzeitig der Atem stockte, entspannte ich mich langsam wieder.
„Summer?“, begann ich, in der Hoffnung, dass mir meine noch fehlenden Worte einfallen würden. Ich musste ihr zweifelsohne davon erzählen, doch wusste ich nicht wie. Hatte ich nun Vampire gesehen oder nicht? Was hatte ich überhaupt gesehen?
Die Welt, in der Summer und ich lebten, spielte sich in Wirklichkeit zwischen zwei Welten ab, wir saßen zwischen den Stühlen, gehörten weder in die eine, noch in die andere Welt. Wir waren gefangen in der Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und der schwarzen, dunklen Nacht, wir waren Kinder der Blauen Stunde.
Am einfachsten lebte es sich für uns unter Menschen, solange wir einige Regeln beachteten, wie z.B. alle paar Jahre unser Umfeld ändern und wegziehen. Wie jetzt, jetzt standen wir ein weiteres Mal am Anfang und versuchten unser Leben zu leben. Aber ob das nach diesem „Treffen“ im Markt überhaupt noch möglich war?
„Was ist?“, meine Schwester sah mich schräg von der Seite an und legte ihre Stirn in Falten. Wie sollte ich es ihr bloß erklären?
„Ich weiß nicht, was es war, aber in diesem Supermarkt, waren zwei-“, ich wurde leiser und brach ab. Ja, was genau war das bitte?
„Zwei was?“, bohrte sie nach. „Jezzy, was war da?“
„Vampire“, flüsterte ich.
Und dann schrie sie. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst. Wie konnte das nur passieren? Wieso hast du nicht vorher geschaut? Mein Gott, Jezebell, bist du wahnsinnig?“
Sie hatte Recht, ich schwieg und versuchte Revue passieren zu lassen, was genau geschah. Doch ich würde zu keiner Lösung finden. Es war meine Aufgabe uns vor anderen Vampiren zu schützen. Ich musste die Gegend auskundschaften, erspüren, ob sich Vampire dort aufhielten.
„Summer, die waren anders“, versuchte ich zu erklären. „Du weißt, dass ich nicht gedankenlos einen Raum betrete. Glaubst du es war ein Vergnügen diese beiden Blutsauger auf einmal im Nacken zu haben?“
„Blutsauger“, sie schnaufte.
Ich schüttelte den Kopf. Wir waren nicht viel anders.
„Haben sie dich gesehen?“
„Ja und nein. Sie haben nicht den Anschein gemacht, als wären sie irgendwie auf mich aufmerksam geworden.“