@ Sammy: Freut mich, dass dir der Prolog gefallen hat! Ich hoffe, du liest weiter und das erste Kapitel gefällt dir auch!
@Alice: Danke für dein Lob! Ich hoffe, ich kann auch weiterhin überzeugen!
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1. Ein neuer Morgen
Cathy lag mit offenen Augen in ihrem Bett und starrte die Decke an. Feine Risse zogen sich durch die Tapete und ihre dunklen Augen folgten den schmalen Linien. Leise drang das Ticken des altmodischen Weckers zu ihr und sie konzentrierte sich auf den gleichmäßigen, monotonen Klang. Sie schloss die Augen und versuchte, sich wieder zurück in den Schlaf zu flüchten, doch es gelang ihr nicht.
Tick tock, tick tock, tick tock…
Deutlich zeigte die Uhr ihr, wie die wenigen Stunden der Nacht verflogen. Der Mond zeichnete ein bleiches Viereck auf den abgewetzten Holzboden vor ihrem Bett. Es musste schon weit nach Mitternacht sein und Cathy stöhnte leise auf.
Sie wandte den Kopf zur Seite und ließ den Blick über das hohe Fenster schweifen. Die dunkelblauen Vorhänge wehten leicht im lauen Wind der Sommernacht. Es war erstaunlich warm, doch das war nicht der Grund, dass Cathy nicht schlafen konnte.
Wenn sie die Ohren spitzte, konnte sie in der Ferne das Rauschen des Atlantiks hören. Das Tosen, mit dem die Wellen sich an den rauen Klippen brachen.
Ihre Gedanken wanderten zu dem heutigen Tag. Ihr letzter Schultag. Heute würde sie endlich ihren Abschluss erhalten. Das letzte Jahr war stressig und hart gewesen, doch es hatte sich gelohnt. Heute Abend würde sie ihren Abschluss in den Händen halten. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Vor ihrem Schrank hing ordentlich gebügelt ihre Schuluniform. Sie würde sie heute zum letzten Mal tragen.
Tick tock, tick tock, tick tock…
Als das Ticken des Weckers kurzzeitig den Rhythmus änderte, wusste sie, dass wieder eine Stunde vergangen war. Wie viele hatte sie noch, bis sie endlich aufstehen konnte? Sie warf einen Blick auf das blasse Viereck aus Mondlicht und schätzte die Entfernung zum Schreibtisch ab. Es fehlten vielleicht noch dreißig Zentimeter. Demnach war es also vier Uhr.
Sie richtete den Blick wieder zur Decke. Seit einigen Wochen war sie von einer inneren Unruhe ergriffen, die ihr Nacht um Nacht den Schlaf raubte. Sie wusste nicht, woher es kam. Am Anfang war sie oft in die Küche gegangen um sich ein Glas Milch zu holen, aber nach einiger Zeit hatten ihre Eltern sich Sorgen gemacht und sie mit Fragen und Fürsorge überschüttet, so dass sie seitdem die endlosen, schlaflosen Stunden in ihrem Zimmer verbrachte.
Reglos lag sie da und wartete, dass die Zeit verging. Noch zwei Stunden, dann würde sie aufstehen, sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzen, sich die Haare kämmen und mit einem strahlenden Lächeln in die Küche gehen. Sie würde frühstücken, ihren Tee trinken und sich auf den Weg machen. Unterwegs würde sie mit dem Fahrrad bei dem kleinen Imbiss halten und dort ihren extra großen, starken Kaffee bestellen. Sie würde nie verstehen, warum ihre Eltern sich so gegen Kaffee in ihrem Haus sträubten, aber in dieser Hinsicht waren sie konsequent. Sehr zum Leidwesen von Cathy.
Tick tock, tick tock, tick tock…
Noch eine Stunde. Vom langen Stilliegen schmerzte ihr Rücken und ihre Augen brannten vom Starren an die Decke. Langsam stahl sich das warme Licht der Morgendämmerung seinen Weg in das kleine Zimmer und vertrieb die Schatten der Nacht. Die ersten Vögel begannen ihr morgendliches Lied und die Stille der Nacht wich immer mehr den Stimmen des neuen Tages.
Als der Wecker endlich klingelte, war ihre Hand schon da, ehe das durchdringende, metallische Klingeln den schmalen Raum erfüllen konnte. Während sie ihn ausschaltete, fragte sie sich, warum sie diese Farce überhaupt aufrechterhielt. Seit langer Zeit hatte sie schon nicht mehr gut genug geschlafen, um morgens Hilfe beim Aufwachen zu benötigen. Vielleicht war es die kleine Stimme der Hoffnung in ihrem Inneren, die unaufhaltsam sagte, dass sie eines Tages doch wieder in Ruhe schlafen konnte. Doch so richtig glaubte Cathy nicht mehr daran.
Sie schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Barfuß ging sie über den warmen Holzboden zu dem kleinen Bad, das direkt an ihr Zimmer grenzte. Ein Luxus, um den sie viele Mädchen in ihrer Klasse beneideten. Cathy fand es einfach nur praktisch. Ansonsten war ihr die Faszination, die offenbar für den gesamten Rest der weiblichen Bevölkerung von einem Badezimmer ausging einfach nur fremd. Manchmal sogar ein wenig suspekt. Sie vermied den Blick in den Spiegel sooft es ging. Sie wusste, was sie darin sehen würde und sie mochte es nicht.
Doch heute würde es sich nicht vermeiden lassen und so zwang sie sich, die Augen auf die junge Frau im Spiegel zu richten. Sie verzog das Gesicht.
Ihr rostbraunes Haar war wirr und lag wie meist nicht so, wie Cathy es gerne hätte. Davon, was allgemein hin als Frisur bezeichnet wurde, war sie Lichtjahre entfernt. Halbherzig fuhr sie sich mit den Fingern durch die langen Wellen, doch das Ergebnis war nur geringfügig besser. Mit einem Seufzen griff sie nach dem dunklen Haarband und band ihr Haar zu einem Knoten zusammen.
Etwas besser, aber sehr viel mehr war einfach nicht zu machen.
Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sich die Natur bei ihr einfach nicht hatte entscheiden können. Ihr Haar war von einer langweiligen Durchschnittsfarbe, mit dem sie sich fast überall hätte eingliedern können, doch ihre Haut war so hell, wie es höchstens Menschen aus dem Norden hatten. Als krassen Gegensatz dazu hätten ihre dunklen, fast schwarzen Augen jedem Südländer Konkurrenz gemacht. Alles schien willkürlich und unpassend zusammengewürfelt.
„Weder Fisch noch Fleisch.“, murrte sie und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge raus.
Nichts Besonderes zeichnete das unscheinbare Gesicht im Spiegel aus.
Sie hatte keine niedlichen Grübchen, wenn sie lächelte, wie Maggy aus ihrer Klasse. Sie hatte nicht das gewisse Funkeln in den Augen, wie Nora, das begehrteste Mädchen der Schule. Sie hatte nichts.
Seufzend wandte sie sich ab.
Schnell schlüpfte sie in die Schuluniform, warf einen letzten, bedauernden Blick auf das Bett und ging in die Küche.
Ihre Mutter stand am Herd und briet Speck und Würstchen fürs Frühstück. Als sie die Schritte ihrer Tochter hörte drehte sie sich um und strahlte Cathy an.
„Guten Morgen, Schatz! Hast du gut geschlafen?“
„Wie ein Murmeltier“, log Cathy und lächelte zurück.
„Tee steht dort drüben.“ Ihre Mutter deutete kurz auf eine Kanne auf der Anrichte, bevor sie sich wieder der Pfanne widmete.
Cathy nahm sich Tee, goss etwas Milch dazu und rührte gedankenverloren in ihrer Tasse. Ihr Blick lag auf dem Rücken ihrer Mutter. Tara Brennan war nicht mehr die Jüngste. Nächstes Jahr würde sie sechzig Jahre alt werden und ihr Haar wurde schon an vielen Stellen weiß. Doch dazwischen konnte man noch das strahlende Blond erkennen, das sie einst zur begehrtesten jungen Frau des ganzen Ortes gemacht hatte. Sie weigerte sich strikt, sich das Haar zu färben und Cathy bewunderte sie für diese Einstellung.
Ihre Mutter war für Cathy schon immer der Inbegriff der Lebensfreude gewesen. Es gab keinen Tag, an dem nicht mindestens einmal ihr Lachen durch das kleine Haus an der irischen Steilküste schallte.
Auch jetzt stand sie summend am Herd und wiegte sanft die etwas fülligen Hüften.
Dann packte sie Cathy einen großen Berg Speck und Würstchen zusammen mit einem Ei auf den Teller und ließ sich ihr gegenüber nieder.
„Und bist du aufgeregt?“, fragte sie und ihre grünen Augen blitzten. Cathy schob sich eine Scheibe Speck in den Mund und zuckte mit den Schultern.
„Wir kennen doch unsere Ergebnisse ohnehin schon. Das ist doch nur noch Formsache.“
Erschüttert schüttelte Tara den Kopf.
„Das ist die völlig falsche Einstellung. Es ist dein offiziell letzter Tag als Schülerin. Ein neuer Lebensabschnitt fängt an. Das wird einer der wichtigsten Tage deines Lebens sein.“
Cathy lächelte ihre Mutter an, doch bei dem Gedanken, dies könnte einer der wichtigsten Tage ihres Lebens sein, wurde ihr ganz schlecht.
Was für großartige Aussichten.
Sie warf einen Blick zur Uhr und beschloss, dass es dringend Zeit wurde, aufzubrechen. Mit einem entschuldigenden Lächeln erhob sie sich und drückte ihrer Mutter einen Kuss auf das Haar.
„Ich muss los. Wir sehen uns heute Nachmittag.“
Und schon war sie durch die Tür verschwunden.
Sie holte ihr altes, klappriges Fahrrad aus dem Schuppen und machte sich ein letztes Mal auf den Weg zur Schule.
Das letzte Mal.
Nun wurde sie doch ein wenig wehmütig. Das meiste würde sie nicht vermissen. Die Lehrer waren spießig und langweilig und es gab nicht einmal die viel gerühmte Ausnahme. Ihre Mitschüler waren ganz nett, doch über eine oberflächliche Bekanntschaft war es nie hinausgegangen. Einzig und allein Dorothy O’Brian die zwei Häuser weiter wohnte, war ihr eine echte Freundin. Das quirlige, schwarzhaarige Mädchen ging auf ein Internat an der Ostküste und sie sahen sich nur in den Ferien. Dennoch verstanden sie sich fast ohne Worte.
In drei Wochen würden sie zusammen nach Cork gehen, eine WG gründen und endlich auf eigenen Füßen stehen. Doro hatte auch schon einen Job als Kellnerin gefunden, Cathy hingegen hatte noch keine Ahnung, was sie tun wollte. Sie würde die Dinge einfach auf sich zukommen lassen.
Sie zog das kleine Gartentor hinter sich zu und zum ersten Mal an diesem Tag umspielte ein ehrliches Lächeln ihre Lippen.